Wissenswertes über ehemalige Allstedter Unternehmen
Heute im Fokus: Die Firma Otto Kayser
Allstedt war einst der Hauptort eines nordthüringischen Amtsgerichtsbezirkes. Mit der zunehmenden Industrialisierung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in der Stadt eine gut funktionierende wirtschaftliche Infrastruktur. Ihr weiterer Ausbau wurde jedoch durch die Folgen des Zweiten Weltkrieges erheblich beeinträchtigt.
Neben dem metallverarbeitenden Gewerbe erlangten insbesondere die Herstellung von Zucker und Malz eine große wirtschaftliche Bedeutung. Darüber hinaus gab es in Allstedt zahlreiche Geschäfte, Handwerksbetriebe und mittelständische Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen.
Ein Anliegen des Heimatvereins Allstedt e. V. ist es, die Geschichte dieser früheren Unternehmen und Geschäfte zu erforschen, zusammenzutragen und in Wort und Bild zu dokumentieren.
Unser Dank gilt allen Bürgerinnen und Bürgern, die dem Heimatverein historische Dokumente, Fotografien, Erinnerungsstücke und andere Materialien für diese Arbeit zur Verfügung stellen.
Historische Unterlagen aus Familienbesitz
Die historischen Vorlagen für diese kleine Ausstellung wurden dem Heimatverein von Jens-Peter Müller, einem Enkel Otto Kaysers, zur Verfügung gestellt.
Im Rahmen mehrerer Treffen der Familie Kayser war Jens-Peter Müller bereits mehrfach in Allstedt zu Gast. Durch seine Unterstützung konnten zahlreiche Dokumente und Erinnerungen zur Geschichte des Unternehmens zusammengetragen werden.
Ein vielseitiger Allstedter Kaufmann
Otto Kayser wurde 1890 geboren und starb 1953. Älteren Allstedtern blieb er als vielseitig tätiger und erfolgreicher Kaufmann in Erinnerung.
Sein Hauptgeschäft befand sich in der Breiten Straße an der Ecke zur Gerstenstraße. Im Jahr 1913 übernahm Otto Kayser das Geschäft von dem Kaufmann Louis Mauff.
Nach umfangreichen Umbauten und einer Modernisierung der Geschäftsräume erweiterte er das angebotene Warensortiment in den folgenden Jahrzehnten kontinuierlich. Darüber hinaus eröffnete er Filialen unter anderem in:
- Roßleben,
- Artern,
- Laucha.
Historische Briefköpfe, Rechnungen und Werbeanzeigen vermitteln einen Eindruck von der außergewöhnlichen Angebotsvielfalt des Unternehmens.
Ein außergewöhnlich breites Warensortiment
Die Firma Otto Kayser war sowohl im Großhandel als auch im Einzelhandel tätig. Zu ihren Geschäftsfeldern gehörten insbesondere:
- Lebensmittel und Feinkost,
- Kolonialwaren,
- Tabakwaren,
- Wein,
- Liköre und Spirituosen,
- Getreide,
- Saatgut,
- Kohlen,
- Futtermittel.
Ein Teil der Liköre und Spirituosen wurde im Unternehmen selbst hergestellt. Daneben vertrieb die Firma Erzeugnisse bekannter Spezialunternehmen.
Historische Fotografien der Verkaufs- und Lagerräume geben einen Einblick in die für damalige Verhältnisse moderne und gut organisierte Warenpräsentation und Lagerhaltung.
Mit seinem Unternehmen gehörte Otto Kayser zu den angesehensten Kaufleuten in Allstedt und der umliegenden Region.
Engagement über Allstedt hinaus
Weniger bekannt ist das umfangreiche berufliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Engagement Otto Kaysers.
Er bekleidete unter anderem folgende Funktionen:
- Präsident der Börse zu Erfurt,
- Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Weimar,
- Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes Thüringen-Weimar,
- Mitglied des Deutschen Industrie- und Handelstages in Berlin,
- Vorsitzender des Aufsichtsrates verschiedener Industrie- und Handelsunternehmen,
- Mitglied des Thüringer Landtages.
Darüber hinaus gehörte Otto Kayser verschiedenen gesellschaftlichen und kulturellen Vereinigungen an. Dazu zählten:
- der Deutsche Herrenclub in Berlin,
- die Schlossgemeinde zu Allstedt,
- die Großloge „Zu den drei Weltkugeln“.
In der Großloge bekleidete er das Amt eines Johannismeisters.
Die Schlossgemeinde zu Allstedt war ein gehobener Kulturverein, der sich mit der Geschichte und kulturellen Bedeutung von Burg und Schloss Allstedt beschäftigte.
Kritische Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus
Otto Kayser stand dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber.
Dokumente belegen, dass die Allstedter Ortsgruppe der NSDAP im Jahr 1933 verhindern wollte, dass er in den Kreditausschuss des Verbandes der mitteldeutschen Industrie gewählt wurde.
Nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen im April 1945 übertrug die amerikanische Militärverwaltung Otto Kayser die Amtsgeschäfte des Bürgermeisters von Allstedt.
In der schwierigen unmittelbaren Nachkriegszeit widmete er sich dieser zusätzlichen Aufgabe mit großem Engagement und ohne persönliche Vorteile anzustreben.
Bereits im September 1945 endete seine Tätigkeit als Bürgermeister. Unter der nunmehr sowjetischen Militärverwaltung wurde er durch Bürgermeister Müller abgelöst.
Erneute Expansion nach dem Krieg
In den ersten Nachkriegsjahren expandierte die Otto Kayser GmbH nochmals erheblich.
Neue Niederlassungen entstanden unter anderem in:
- Weimar,
- Mansfeld,
- Sömmerda,
- Sondershausen,
- Heldrungen.
Gleichzeitig wurde der Fuhrpark des Unternehmens erweitert.
Von den verschiedenen Betrieben Otto Kaysers wurden in dieser Zeit mehr als 800 Städte und kleinere Ortschaften mit Waren beliefert.
Das Ende des privaten Unternehmens
Die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen für private Unternehmer wurden in der DDR zunehmend schwieriger. Auch die Otto Kayser GmbH musste sich den veränderten Verhältnissen anpassen.
Im Februar 1953 verstarb Otto Kayser im Alter von 62 Jahren nach langer, schwerer Krankheit.
Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde er auf dem Friedhof in Allstedt beigesetzt.
Das frühere Allstedter Geschäft wurde später als HO-Lebensmittelgeschäft weitergeführt. Die Likörherstellung der Firma Kayser ging in die Konsum-Spirituosenfabrik Allstedt über.
Die Familie Kayser
Otto Kaysers Ehefrau Friedel verließ Allstedt im Jahr 1961 und zog nach Nürnberg. Sie starb 1973 in Nideggen.
Otto und Friedel Kayser hinterließen:
- vier Kinder,
- 13 Enkelkinder,
- neun Urenkelkinder.
Die Geschichte der Firma Otto Kayser steht beispielhaft für die wirtschaftliche Entwicklung Allstedts im 20. Jahrhundert. Sie erinnert zugleich an einen Kaufmann, der nicht nur das Geschäftsleben der Stadt prägte, sondern auch über viele Jahre wirtschaftliche, gesellschaftliche und kommunale Verantwortung übernahm.

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Historische Unterlagen: Jens-Peter Müller, Enkel Otto Kaysers Aufbereitung: Heimatverein Allstedt e. V.
