
Reformator, Prediger und Revolutionär
Nach einer Darstellung von Kurt Knobloch
Thomas Müntzer gehört zu den bedeutendsten und zugleich umstrittensten Persönlichkeiten der Reformationszeit. Sein Wirken ist eng mit Allstedt, der Reformation und dem Deutschen Bauernkrieg verbunden.
Über sein genaues Geburtsdatum besteht bis heute keine vollständige Klarheit. In älteren Darstellungen wird angenommen, dass er am 20. oder 21. Dezember 1498 in Stolberg geboren wurde. Dort soll er auch seine ersten Schuljahre verbracht haben.
Sein Vater galt als angesehener Bürger. Über seine Mutter bestanden verwandtschaftliche Beziehungen zu mehreren Geistlichen. Später zog die Familie nach Quedlinburg, wo Thomas Müntzer vermutlich weiterführende Schulen besuchte.
Studium und erste kirchliche Tätigkeiten
Müntzer ließ sich an der Universität Leipzig immatrikulieren. Im Jahr 1512 hielt er sich zeitweise an der Universität Frankfurt an der Oder auf.
In den folgenden Jahren übernahm er verschiedene kirchliche und schulische Aufgaben. Unter anderem war er:
- Inhaber einer Messpfründe in Halberstadt,
- geistlicher Lehrer in Halle,
- Propst eines Frauenstifts in Frose bei Aschersleben,
- Beichtvater in einem Kloster.
Müntzer beschäftigte sich intensiv mit theologischen, philosophischen und historischen Schriften. Er las nicht nur die Werke Martin Luthers sowie die Schriften von dessen Anhängern und Gegnern, sondern auch:
- die Schriften der Kirchenväter,
- die Akten der Reformkonzilien,
- Werke antiker Autoren wie Platon und Plinius,
- immer wieder die Bibel.
Um die biblischen Texte in ihren ursprünglichen Sprachen lesen zu können, erlernte er Griechisch und Hebräisch.
Müntzer galt als außerordentlich gebildeter, fleißiger und geistig beweglicher Theologe. Große Teile der Bibel soll er auswendig gekannt haben.
Begegnung mit Martin Luther
Im Jahr 1519 lernte Thomas Müntzer während der Leipziger Disputation Martin Luther kennen.
Luther gewann zunächst einen guten Eindruck von ihm und empfahl ihn als Prediger nach Zwickau. Dort trat Müntzer 1520 eine Stelle an der Marienkirche an.
Schon bald geriet er jedoch in Konflikt mit den kirchlichen und städtischen Autoritäten. Er stand zeitweise den sogenannten Zwickauer Propheten um Nikolaus Storch nahe, die eine besonders radikale und unmittelbar vom Geist Gottes geleitete Form des Glaubens vertraten.
Im Jahr 1521 musste Müntzer Zwickau verlassen.
Aufenthalte in Prag und Nordhausen
Nach seiner Vertreibung aus Zwickau ging Müntzer nach Prag.
Dort veröffentlichte er das sogenannte Prager Manifest, in dem er seine theologischen Vorstellungen darlegte. Aufgrund seiner Predigten und seines zunehmend radikalen Auftretens konnte er jedoch auch in Prag nicht dauerhaft bleiben.
Anschließend hielt er sich zeitweise im Vogtland und im Jahr 1522 mehrere Monate in Nordhausen auf.
Müntzer bezeichnete sich selbst als:
„Nuntius Christi“
Dies bedeutet übersetzt „Bote Christi“ oder „Gesandter Christi“.
Thomas Müntzer in Allstedt
Zu Ostern 1523 wurde Thomas Müntzer zunächst probeweise als Pfarrer an die St.-Johannis-Kirche in Allstedt berufen.
Allstedt wurde zu einer entscheidenden Station seines Lebens. Hier konnte er viele seiner Vorstellungen erstmals praktisch umsetzen.
Müntzer führte unter anderem den deutschsprachigen Gottesdienst ein. Er wollte, dass die Bevölkerung die liturgischen Texte, Gebete und Predigten verstehen und sich unmittelbar mit ihnen auseinandersetzen konnte.
Seine Predigten fanden großen Zuspruch. Zugleich verschärften sich seine Auseinandersetzungen mit den kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten.
In Allstedt heiratete er Ottilie von Gersen, eine ehemalige Nonne. Im Jahr 1524 wurde dem Ehepaar ein Sohn geboren.
Die Fürstenpredigt
Am 13. Juli 1524 hielt Thomas Müntzer in der Schlosskapelle von Allstedt seine berühmte Fürstenpredigt.
Zu seinen Zuhörern gehörten Herzog Johann von Sachsen und dessen Sohn Johann Friedrich.
Müntzer forderte die Fürsten dazu auf, eine aus seiner Sicht göttliche Ordnung durchzusetzen und sich für die Unterdrückten einzusetzen. Sollten sie dieser Verpflichtung nicht nachkommen, stellte er ihre weltliche Herrschaft grundsätzlich infrage.
Die Fürstenpredigt gehört zu den bedeutendsten Texten der radikalen Reformation und machte den Gegensatz zwischen Müntzer und den sächsischen Landesherren deutlich.
Flucht aus Allstedt
Die Spannungen zwischen Müntzer, Martin Luther und den sächsischen Fürsten nahmen weiter zu.
In der Nacht vom 7. auf den 8. August 1524 verließ Müntzer Allstedt heimlich. Nach der Überlieferung überstieg er die Stadtmauer und floh in die freie Reichsstadt Mühlhausen.
Dort arbeitete er mit dem ehemaligen Mönch und Prediger Heinrich Pfeiffer zusammen. Beide unterstützten die oppositionelle Bewegung gegen den Rat der Stadt und die bestehende kirchliche Ordnung.
Bereits am 27. September 1524 mussten Müntzer und Pfeiffer Mühlhausen zunächst wieder verlassen.
Reisen durch Süddeutschland
Nach seiner Flucht hielt sich Müntzer zeitweise in Nürnberg auf. Dort konnte er jedoch nicht dauerhaft wirken.
Anschließend reiste er durch verschiedene Gebiete Süddeutschlands, darunter:
- das Elsass,
- den Klettgau,
- den Hegau,
- den Schwarzwald,
- die Bodenseeregion,
- die deutsch-schweizerischen Grenzgebiete.
In dieser Zeit suchte Müntzer den Kontakt zu Bauern, Handwerkern, Bergleuten und anderen gesellschaftlichen Gruppen, die mit ihren wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen unzufrieden waren.
Seine religiösen Vorstellungen verbanden sich zunehmend mit der Forderung nach einer grundlegenden Veränderung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung.
Rückkehr nach Mühlhausen
Anfang des Jahres 1525 kehrte Thomas Müntzer nach Mühlhausen zurück.
Dort beteiligte er sich erneut an der politischen und religiösen Bewegung um Heinrich Pfeiffer. Müntzer wurde zu einer wichtigen Persönlichkeit innerhalb des Thüringer Bauernaufstandes.
Die Bauern forderten unter anderem:
- die Verringerung von Abgaben und Frondiensten,
- die Wiederherstellung traditioneller Rechte,
- eine gerechtere Nutzung von Wäldern, Gewässern und Gemeindeland,
- eine stärkere Orientierung der Kirche an der Bibel,
- mehr politische und soziale Mitbestimmung.
Müntzer verstand den Aufstand nicht nur als gesellschaftlichen Konflikt. Für ihn war er zugleich Teil eines göttlichen Gerichtes über eine ungerechte Welt.
Die Schlacht bei Frankenhausen
Im Mai 1525 zog Müntzer zu den aufständischen Bauern nach Frankenhausen.
Dort befand sich ein mehrere Tausend Menschen umfassendes Bauernheer. Die Aufständischen waren jedoch nur unzureichend bewaffnet und militärisch kaum organisiert.
Am 15. Mai 1525 wurden sie in der Schlacht bei Frankenhausen von den Truppen der verbündeten Fürsten vernichtend geschlagen.
Tausende Bauern kamen ums Leben.
Thomas Müntzer wurde verwundet und versuchte, sich in Frankenhausen zu verstecken. Er wurde jedoch entdeckt, gefangen genommen und anschließend nach Heldrungen gebracht.
Gefangenschaft und Tod
Während seiner Gefangenschaft wurde Müntzer verhört und schwer gefoltert.
Unter dem Druck seiner Gegner soll er Teile seiner bisherigen Lehren widerrufen haben. Die genauen Umstände und der Umfang dieses Widerrufs werden historisch unterschiedlich beurteilt.
Am 27. Mai 1525 wurden Thomas Müntzer und Heinrich Pfeiffer bei Mühlhausen hingerichtet.
Müntzers Kopf wurde anschließend öffentlich zur Schau gestellt. Damit sollte ein abschreckendes Zeichen gegen weitere Aufstände gesetzt werden.
Bedeutung für Allstedt
Allstedt nimmt im Leben Thomas Müntzers eine besondere Stellung ein.
Hier:
- wirkte er als Pfarrer,
- führte er deutschsprachige Gottesdienste ein,
- heiratete er Ottilie von Gersen,
- entwickelte er wesentliche Teile seiner theologischen Vorstellungen,
- gründete er den sogenannten Allstedter Bund,
- hielt er seine berühmte Fürstenpredigt.
Burg und Schloss Allstedt sowie die St.-Johannis-Kirche sind deshalb bis heute eng mit seinem Namen verbunden.
Thomas Müntzer wird unterschiedlich beurteilt: als Theologe, Reformator, Sozialrevolutionär, Anführer der Bauern und entschiedener Gegner der bestehenden Herrschaftsordnung.
Unbestritten ist, dass sein Wirken die Geschichte Allstedts und die Erinnerung an die Reformation bis heute prägt.
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Autor der ursprünglichen Darstellung: Kurt Knobloch
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